Wie soll Kontakt entstehen, wenn es mich selbst nicht gibt? Über People Pleasing und die Suche im Außen

Kennst du die Geschichte von Paul Watzlawick aus seinem Buch Anleitung zum Unglücklichsein?

in Betrunkener sucht unter einer Laterne nach seinem Schlüssel. Ein anderer Mann kommt vorbei und hilft ihm hilfsbereit bei der Suche. Nach einer Weile fragt der Mann verwundert:

„Haben Sie den Schlüssel denn wirklich hier verloren?“

Der Betrunkene antwortet ganz selbstverständlich:

„Nein, dort drüben im Dunkeln.“

Entrüstet fragt der Mann:

„Aber warum suchen wir denn dann hier unter der Laterne?“

Darauf der Betrunkene:

„Na, weil es hier viel heller ist!“

Genau das fällt mir bei so vielen Menschen auf – und jahrelang ganz besonders bei mir selbst.

Ich habe mich unglaublich lange im Außen gesucht. Genau dort, wo es scheinbar heller, sicherer und vertrauter war: in meinen Partnern, bei Lehrern, bei Vorbildern oder bei Menschen, mit denen ich mich gerade tief verbunden fühlte.

Aber kann man sich selbst überhaupt verlieren – wie einen Schlüssel?

Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt. Lange Zeit wusste ich nicht mehr, wer ich eigentlich war. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob man das jemals ganz starr sagen kann. Doch wer war ich all die Jahre, wenn nicht ich selbst?

Die Kunst, nicht aufzufallen: Das Erbe der Anpassung

Ich war immer die Angepasste. Die, die nicht auffiel. Die Liebe, die Brave, die Anpassungsfähige – bloß um nicht ausgegrenzt zu werden, niemanden zu enttäuschen oder allein zu sein.

Schon als Kind standen die Erwachsenen im absoluten Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit. Sie gaben vor, was richtig und was falsch war, wie man Dinge zu tun hatte und wie nicht. Was ich schon konnte und was noch nicht. Und wenn ich nicht funktionierte wie erwartet, folgten Konsequenzen.

So war ich ständig damit beschäftigt, bloß keine Fehler zu machen, niemanden zu verärgern und mich anzupassen, um dazuzugehören. Unterschwellig baute sich eine ständige Angst vor dem Falsch – sein auf, eine Angst, die irgendwann so alltäglich wurde, dass ich sie für „normal“ hielt. Ich lernte immer mehr, meine eigene Wahrnehmung und meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Mein Fokus lag nur noch darauf herauszufinden:

  • Was erwarten die anderen von mir?
  • Was muss ich tun, um richtig zu sein?
  • Wie muss ich sein, um geliebt zu werden?

People Pleasing in Beziehungen: Wenn alles da ist und trotzdem etwas fehlt

Als Teenagerin und spätere Erwachsene waren es nicht mehr meine Eltern, die mein Zentrum bildeten, sondern meine Partner. Nicht unbedingt, weil sie es verlangten, sondern weil ich sie selbst dorthin stellte.

Ich funktionierte im Muster des People Pleasing: Ich passte mich an, richtete meine Antennen komplett auf das Gegenüber aus und überging meine eigenen Bedürfnisse, um die Verbindung nicht zu gefährden.

  • Feine Antennen fürs Außen: Du spürst sofort, wenn der Partner schlechte Laune hat, und versuchst unbewusst, die Stimmung zu retten.
  • Die verweigerte Antwort: Wenn dich jemand fragt „Und was willst du gerade?“, fühlst du eine innere Leere oder traust dich nicht, es zu sagen.
  • Die Perfektion nach außen: Später, mit meiner eigenen Familie, meinen Kindern und einem mich liebenden Ehemann, schien alles ideal zu sein. Und dennoch spürte ich eine tief sitzende Unstimmigkeit in mir. Der innere Druck stieg, bis ich irgendwann nur noch ausbrechen wollte.

Ich suchte Halt in neuen Beziehungsmodellen, bei Lehrern oder in Konzepten. Aber an jedem neuen Ort gab es wieder Regeln und Bewertungen darüber, wie ich zu sein hätte. Ich drehte mich im Kreis – genau wie der Betrunkene unter der Laterne.

Der Wendepunkt: Du kannst dich nicht verlieren – nur aufgeben

Irgendwann kam der Moment, in dem mir ein Licht aufging. Ich verstand: Ich kann mich im Außen nicht finden.

Ich kann mich selbst auch gar nicht wie einen Gegenstand verlieren. Was ich stattdessen jahrelang getan hatte: Ich habe mich immer wieder selbst aufgegeben.

Die zentrale Erkenntnis: Es geht bei der Selbstfindung nicht darum, sich mühsam neu zu erfinden. Es geht darum, aufzuhören, vor sich selbst wegzulaufen und sich für andere zu verlassen.

Wir suchen deshalb im Hellen unter der Laterne (in der Bestätigung anderer), weil der Blick in unsere eigene innere Dunkelheit – in unerfüllte Bedürfnisse, unterdrückte Wut oder Unsicherheit – erst einmal Angst macht.

Wie echter Kontakt zu dir selbst (und anderen) entsteht

Wie soll echter Kontakt entstehen, wenn ich selbst gar nicht im Raum bin, weil ich nur damit beschäftigt bin, mich anzupassen? Man kann dann zwar Nähe herstellen und sehr liebevoll sein – aber das Gegenüber begegnet dann nicht dir, sondern deiner angepassten Schutzhülle.

Echte Verbindung beginnt dort, wo du wieder auftauchst.

Erste Schritte heraus aus der Anpassung:

  • Die Innehalte-Frage stellen: Bevor du automatisch „Ja“ zu einer Erwartung sagst, atme durch und frage dich ganz ehrlich: „Was möchte ich gerade eigentlich?
  • Die Reaktion des Anderen aushalten: Grenzen zu setzen bedeutet manchmal, dass der andere enttäuscht ist. Das ist kein Zeichen von Egoismus, sondern der Beginn von gesunder Selbstachtung.
  • Körper und Signal wahrnehmen: Wo zieht sich in dir etwas zusammen? Wo spürst du Enge, wo Weite? Dein Körper ist der beste Kompass zurück zu dir selbst.

Fazit: Bleib bei dir

Ich schreibe das nicht, weil ich diesen Weg vollständig abgeschlossen hätte. Ich befinde mich immer noch mitten drin. Doch der Unterschied zu früher ist: Wenn ich mich heute im Außen verliere, bemerke ich es schneller und halte inne.

Vielleicht musst du dich gar nicht finden. Vielleicht warst du die ganze Zeit schon da – und es geht nur darum, dir selbst wieder zuzuhören, dich zu spüren und dich nicht mehr für die Anerkennung anderer aufzugeben.

Und jetzt zu dir:

Wo ertappst du dich vielleicht selbst noch dabei, unter der hellen Laterne nach Antworten zu suchen – bei anderen Menschen oder im Außen – obwohl deine eigentliche Antwort dort liegt, wo es gerade noch dunkel ist?

Teile deine Gedanken dazu gerne unten in den Kommentaren!

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